“Warum nicht für uns?“

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„Für die geschichtsbewussten Polen ist der 24. April 2013, als der Dortmund-Star Robert Lewandowski alle Tore gegen Madrid schoss, schon fast ein historisches Datum. Die einheimische Presse hebt den Stürmer nahezu in den Rang des verstorbenen Papstes Karol Wojtyła, der den Status eines Halbgottes genießt. Allerdings sind nicht alle Polen mit ihrem nun berühmten Landsmann zufrieden.
„Also, ich freue mich da überhaupt nicht“, ärgert sich Iwona aus Warschau. „Warum schießt Lewandowski diese Tore denn nicht für uns und spielt nur bei den Deutschen so gut, nicht aber in der Nationalelf?“ lamentiert die 40jährige Finanzfachfrau, die in der polnischen Hauptstadt für ein ausländisches Unternehmen arbeitet. „Genauso wie die anderen beiden Polen bei Dortmund – Jakub Błaszczykowski und Lukasz Piszczek“, sagt sie. Spielen immer nur bei denen gut, zuhause aber nie. Dabei ist ihr Ärger schon ziemlich deutlich anzumerken.
Iwona ist eine von nicht wenigen polnischen Fans, die mit ihrem Landsmann, der derzeit von der einheimischen und internationalen Presse so überschwänglich gefeiert wird, überhaupt nicht zufrieden sind.

„Lewy – der König Europas!“, „Der göttliche Lewandowski“ oder „Die Toren der allergrößte Klubs stehen ihm offen“. Diese Schlagzeilen bestimmen zwar derzeit die einheimische und internationale Presse – und das sogar noch den zweiten Tag nach dem Match.
Doch warum stolpert der Nationalstürmner dann nur so lustlos und glücklos über den Platz, wenn er beispielsweise die WM-Qualifikation für sein Land spielt?

Diese Frage beschäftigt derzeit viele polnische Fans.

Der Grund: Die vier Tore, die der Stürmer gegen Madrid geschossen hat, haben wieder alte wunde Punkte getroffen: Die besten Polen gehen ins Ausland und präsentieren nur dort ihr herausragendes Können. Zuhause hingegen haben sie überhaupt keine Lust und zeigen nicht den geringsten Nationalstolz, glauben ärgern sich viele Anhänger.

Und Lewandowski sei hier ja bei weiterm nicht der erste, so die Kritik. Er trete nur in die Fußstapfen solcher internationaler Stars wie Miroslav Klose und Lukas Podolski. Letztlich könne man ja schon problemlos eine ganze deutsche Mannschaft zusammen, die alle polnische Wurzeln haben und lieber beim westlichen Nachbarn spielen, ärgern sich diese polnischen Fans.

„Unsere Spieler sind schon hervorragend“, versucht Stefan Szczepłek etwas zu beschwichtigen. Der 54jährige Sportjournalist schreibt für die konservative Tageszeitung Rzeczpospolita und gilt in Polen als führender Fußballexperte –ähnlich etwa wie Rainer Holzschuh in Deutschland, der langjährige Chefredakteur und jetzige Herausgeber vom „Kicker“. Dabei richtete er sogar im Internet per TV einen gesonderten Kommentar an die Fans, um seine Landsleute zu beruhigen. Fußball sei halt ein Mannschaftssport und alle gemeinsam würden gewinnen.

Die Mitspieler von Lewandowski in Dortmund seien eben besser als die Kollegen in der Nationalelf. „Zwischen Mario Götze und Marco Reus und Ludovik Obraniak oder Radosław Majewski ist ein Unterschied wie Tag und Nacht“, so der Experte.
Dortmund habe eine stabile und eingespielte Mannschaft. „Unsere Nationalelf hat weder das eine noch das andere“, unterstreicht er.

Und gerade Lewandowski sei halt kein Spieler, der das Spiel alleine macht, er sei auf die Unterstützung seiner Kollegen angewiesen, die er in Polen nicht habe. „Dortmund-Trainer Jürgen Klopp sieht seine Leute doch jeden Tag, während unserer Nationaltrainer Waldemar Formalik seine Spieler nur ein paar Mal im Jahr zu sich ruft“, appeliert Szczepłek an seine Landsleute, sich doch etwas zu beruhigen.

Die Gemüter sind hochgekocht, und Lewandowski hat es geschafft, für ein paar Tage die Zeitungen zu füllen. Und hat dabei fast die Rolle eines Nationalhelden wie Karol Wojtyła eingenommen. Am kommenden Dienstag beim Rückspiel dürfte das allerdings schon wieder vergessen sein. Denn Papst Johannes Paul II. wird für die Polen wohl doch historisch wichtiger bleiben als der Stürmer – auch wenn seine vier Tore gegen Madrid natürlich einzigartig sind. Fußball ist eben doch nur ein Spiel.