Warschauer Börse vor Führungskrise

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Jetzt ist es amtlich: Die Hauptversammlung der Warschauer Börse (GPW) hat ihren Chef Ludwig Sobolewski offiziell wegen Vetternwirtschaft rausgeworfen – wie erwartet. Damit steuert sie unsicheren Zeiten entgegen, weil sie sich völlig neu ordnen muss. Schließlich galt der GPW-Vorstandsvorsitzende nicht nur als ausgewiesener Experte, sondern hatte auch alle Kompetenzen an sich gerissen.
Warschau. Die Polnische Börse, der größte Handelsplatz in Ostmitteleuropa, steht vor einer massiven Führungskrise: Die Hauptversammlung (HV) hat am Donnerstag den bisherigen Vorstandsvorsitzenden Ludwik Sobolewski erwartungsgemäß endgültig seiner Aufgaben entbunden. Der Manager, der mit Abwesenheit auffiel, war bereits vor Weihnachten vom Aufsichtsrat zeitweilig seines Amtes enthoben worden. Der Grund: Der 47jährige hatte versucht, Unternehmen des Wachstumssegmentes New Connect zu überreden, in eine Filmproduktion zu investieren, in der auch seine Lebenspartnerin mitspielt, eine 28jährige Schauspielerin. Seine Amtszeit hätte noch bis Mitte 2014 gedauert.

Gleichzeitig inthronisierte die HV seinen bisherigen Stellvertreter Adam Maciejewski zum neuen GPW-Chef, der bereits seit 1994 in unterschiedlichen Funktionen der Börse tätig war. „Ich werde mich nun mit dem Eigentümer zusammensetzen, um die weitere Zukunft zu planen“, sagte Maciejewski. Der Absolvent einer Warschauer Elite-Wirtschaftshole bat die zahlreichen Journalisten von Fragen zur neuen Strategie Abstand zu nehmen, da diese noch gar nicht feststehe.

Diese schnelle Wahl eines neuen Chefs stiftete etwas Verwirrung. Eigentlich hatten die polnischen Börsianer nicht damit gerechnet, dass überraschend. Das Leib- und Magenblatt der polnischen Börsianer, die Finanzzeitung „Parkiet“, hatte eigentlich damit spekuliert, dass die Regierung zunächst die Stelle ausschreiben wird. Offenbar wollte sie aber eine längere Führungslosigkeit der Börse nicht riskieren.

Die Presseabteilung der Börse hielt sich bedeckt, während die Journalisten schon seit Jahresanfang dieses Thema ausgiebig verfolgten: Neben der Fachpresse warfen sämtliche politischen Nachrichtenmagazine und sogar die Boulevardzeitungen ein kritisches Auge auf den Fall. Schließlich ist die staatlich dominierte GPW ein politisches Prestigeunternehmen und Aushängeschild der Regierung. Und der Leumund und die PR der Börse waren bis dato hervorragend.

Ob die Affäre mit seiner Partnerin der tatsächliche Grund für Sobolewskis Rauswurf war oder nur ein Vorwand, ist nicht ganz klar. „Er hat seine Firma als Marktplatz für private Dinge benutzt“, ereiferte sich ein HV-Teilnehmer. Das habe es in dieser Form noch nie in der polnischen Geschichte gegeben. „Da mussten die ihn einfach rauswerfen“, fand er.

Viele Medien sind sich da nicht einmal so sicher. Vielmehr sei der Führungsstil von Sobolewski der Grund für den Rauswurf. Damit sei er zunehmend den Vertretern der Regierung auf den Schlips getreten. Sobolewski habe sich wie ein Alleinherrscher aufgeführt, immer mehr Kompetenzen an sich gebunden und die Börse quasi als persönliches Eigentum behandelt, so der Ton der Medien. Jetzt sei eben das Faß überlaufen, hieß es.

Viele hätten ihn hinter vorgehaltener Hand als „Louis XIV“ verspottet – in Anlehnung an den französischen Sonnenkönig, berichtet das Nachrichtenmagazin „Newsweek Polska“. „Der Markt hat über Jahre hinweg seinen schwierigen Charakter toleriert“, glaubte ein Bekannter Sobolewskis. Es wäre seiner Meinung nach bestimmt nicht dazu gekommen, wenn der GPW-Chef nicht allzu selbstbewusst auftreten wäre. „Seine Lebenspartnerin zu unterstützen, war wohl nicht der Grund, denn das macht eigentlich jeder zweite Chef“, war seine Meinung.

Beklagt haben sich viele über ihn – insbesondere die Maklerhäuser. Sobolewski hatte autoritär die Verlängerung der Handelszeit durchgedrückt – eine Maßnahme, die den Maklern extrem teuer kam. Darüber hinaus gab es einen heftigen Streit über die Transaktionsgebühren.
Jedenfalls steuert jetzt die Börse unsicheren Zeiten entgegen, weil sie sich völlig neu organisieren muss. Sobolewski stand wie kein anderer für den zunehmenden Erfolg des Handelsplatzes, der unter seiner Führung zum stärksten in der gesamten Region geworden war.

Er genoß bei den Politikern sämtlicher Parteien hohes Ansehen und galt als einer derjenigen Polen der jüngeren Generation, die den Erfolg des Kapitalismus in Polen symbolisieren. Sein Traum war es, einmal den direkten Konkurrenten aus der Region, die Wiener Börse, zu übernehmen. Sein mediales und eloquentes Auftreten garantierten ihm eine gute Presse.

Zur Führungskrise kommen die zunehmenden geschäftlichen Probleme: Die Polen hatten nach den ersten neunb Monaten im Vergleich zum Vorjahreszeitraum einen Umsatzrückgang um sieben Prozent auf 65 Millionen Zloty (15,8 Millionen Euro) zu beklagen. Der Gewinn schrumpfte um ein Drittel auf 25 Millionen Zloty (6,1 Millionen Euro). Gerade das Wachstumssegment New Connect hatte mit seinen Verlusten dazu beigetragen.

Angesichts dieser Misere müsste sich der direkte Konkurrent aus der Region, die Wiener Börse, eigentlich die Hände reiben. Die Österreicher hielten sich aber auffallend zurück. „Wir haben immer betont, dass wir an einer Zusammenarbeit mit der Börse Warschau interessiert sind“, erklärte die Sprecherin Beatrix Exinger. „Dieses Interesse wird auch in Zukunft so bestehen bleiben“, so die PR-Frau. Immerhin waren aus Wien keine hämischen Töne zu hören. Trotzdem geht die GPW nun schwierigen Zeiten entgegen.