Transporteure vor Erholung

de Transporteure vor Erholung

WARSCHAU – Polen – einer der größten Märkte in der EU – nimmt an Fahrt auf und scheint die schlimmste Zeit der Krise langsam zu überwinden: Die Aufträge aus Deutschland ziehen 2010 wieder an. Und die Wirtschaft und das gesamte Transportgewerbe haben das vergangene Jahr, das als äußerst schwierig galt, relativ schadlos überstanden. Und die statistischen Prognosen für 2010 sind auch nicht schlecht. Die Stimmung unter den LKW-Unternehmern ist hingegen geteilt: Neben Zuversicht ist noch massive Skepsis zu spüren. Die Bahnunternehmen stehen dabei sehr stark unter Druck.

„Die polnischen LKW-Transporteure haben bis Ende März im Vergleich zum Vorquartal zwölf Prozent mehr Aufträge aus Deutschland, Österreich und der Schweiz erhalten“, rechnet Mariusz Odkała – Verwaltungsdirektor von der internationalen Frachtenbörse Teleroute vor. Gerade Deutschland ist für die Polen aufgrund seiner Nähe und seiner Größe besonders wichtig. Die Auftragsentwicklung mit diesem Nachbarn ist deshalb eine Art von Lackmus-Test für die gesamte Branche. Die LKW stemmen in Polen mehr als 80 Prozent der Fracht und sind deswegen fast repräsentativ für den gesamten Güterverkehr – wie in anderen Ländern auch.

„Interessant: Im Vergleich zum ersten Quartal 2009 – dem Krisenjahr – stieg die Zahl sogar um 92 Prozent“, führte Odkała weiter aus. Genauso wie sich die Gesamtwirtschaft in Deutschland wieder erholt, genauso klettern auch wieder die Aufträge für die polnischen Transporteure. „Die Transportbranche ist eben sehr stark von der wirtschaftlichen Gesamtkonjunktur abhängig“, sagte der Fachmann.

Dabei stützen sich die Polen zusätzlich auf ihre eigene – relativ stabile – Wirtschaft. Auch hier ist das BIP nach den ersten drei Monaten gewachsen – und das sogar um ganze drei Prozent. Doch das ist noch nicht alles: Die Ökonomen der EU sehen den jungen Mitgliedsstaaten bei ihren Prognosen für das gesamte Jahr 2010 in der Spitzengruppe der Gemeinschaft.

Polen macht derzeit mit seinen Wirtschaftsdaten auf sich aufmerksam, die bereits 2009 für Überraschungen gesorgt hatten. Das Land war eine der wenigen Ökonomien in Europa, die dieses schwierige Jahr ohne Einbrüche verkraftet hat. Es gab sogar noch einen Zuwachs um 1,7 Prozent – der düsteren Ahnungen und Prognosen vieler Unternehmer zu Jahresanfang zum Trotz. Ein Grund: Die starke Inlandsnachfrage.

Das Wichtige dabei: Auch die polnische Transportbranche befand sich mit dieser relativ guten Gesamtwirtschaft im Gleichschritt: Die Gesamterlöse kletterten um 2,3 Prozent auf 131,3 Milliarden Złoty (32,82 Milliarden Euro). Auch die gesamten Transportvolumina stiegen um 1,8 Prozent auf 1,69 Milliarden Tonnen. Davon fuhren die LKW-Unternehmen den Großteil von 1,42 Milliarden Tonnen und verzeichneten dabei ein Plus von 6,7 Prozent – so die teilweise geschätzten Zahlen des polnischen statistischen Hauptamtes GUS.

„Die Polen-Geschäfte haben sich bei uns in der ersten Jahreshälfte sehr positiv entwickelt“, sagte der Managing Director von Kühne+Nagel, Tobias Jerschke, im Gespräch mit der „verkehrsRundschau“. Seine Landesgesellschaft war bereits 2009 eine derjenigen im Konzern, die sich innerhalb der Gesamtgruppe positiv hervorgetan hatte. Ansonsten musste das Unternehmen insgesamt einen heftigen Umsatzrückgang um fast ein Fünftel auf 17,4 Milliarden Euro verkraften. „Wir haben 2010 Projekte realisiert, die wir bereits im Vorjahr vorbereitet haben“, erklärte Jerschke. Dazu gehört ein Supply-Chain-Projekt, bei dem Kühne+Nagel für einen globalen Pharmakonzern in der Region Warschau das Warenlager betreibt. Vor dort aus bedient das Unternehmen Polen und andere Länder in Osteuropa.

Und auch nach vorne blickt der Deutsche sehr positiv – genauso wie viele Ökonomen auch: „Die Branche beginnt derzeit tatsächlich, die Krise hinter sich zu lassen“, so seine Einschätzung. Sein Unternehmen verzeichne steigende Sendungszahlen und viele neue Projekte, die im vergangenen Jahr noch ausgesetzt worden seien. „Wir haben viele Anfragen von neuen Kunden, die nach der Krise neue Wege beschreiten wollen, aber oft auch von Kunden, deren Dienstleister die Leistung nicht erbringen können.“ Grund: Diese haben sich aus dem Markt zurück gezogen.

Kleinere Firmen guten Mutes
Auch kleinere Unternehmen zeigen Optimismus: „Die Wirtschaftswachstumsdaten sind positiv“, freute sich auch Katarzyna Nowakowska von dem polnischen Transportdienstleister Pekaes. „Die TSL-Brache ist guten Mutes und setzt weiter auf diese Entwicklung“, sagte die Sprecherin des Unternehmens, das zu den größten einheimischen Transporteuren gehört. Dieser hatte 2009 noch einen Umsatzrückgang um 22,8 Prozent auf rund 83 Millionen Euro zu verschmerzen. Dann änderte der Vorstand seine Strategie, die nun für 2010 und 2012 gilt. Offenbar sind hier die ersten Wirkungen zu sehen. So kletterte der Erlös nach den ersten drei Monaten im Vergleich zum Vorjahr um 10,6 Prozent auf 93,9 Millionen Złoty (23,4 Millionen Euro).

„Wir haben vor allem die Handelsaktivität am einheimischen Markt vergrößert“, erklärte Nowakowska. „Sowohl beim Ganzwagentransport als sowohl bei der Beförderung von Stückgut hat es Umsatzzuwächse gegeben“, erklärte die Pekaes-Frau. Das Unternehmen konzentriere sich jetzt auf seine Kerngeschäfte – also auf den Vertrieb von Waren über sein Stückgut-Netz. Das sei ein Bestandteil der neuen Strategie, so Nowakowska. Das Unternehmen verfügt über 17 Terminale im gesamten Land. Darüber hinaus soll die Kontraktlogistik noch mehr in Fokus rücken als bisher. Doch das ist noch nicht alles: Pekaes will sein Kundenportfolio erweitern: Dazu sollen Aufträge aus dem FMCG-Bereich sowie aus der Maschinenindustrie kommen.

Dabei äußerten sich nicht alle Manager so positiv. „2009 ist doch der Warenaustausch Deutschlands mit Polen im Vergleich zu 2008 um 18,4 Prozent zurückgegangen“, sagte Günter Weber von der Spedition LOXX. Der Manager ist seit den achtziger Jahren in Polen aktiv. „Da bricht natürlich auch die Transportleistung eines Polen-Spediteurs ein – wenn auch nicht so ganz in diesem Umfang“, erklärte der Spediteur. LOXX hat allerdings keinen einzigen Mitarbeiter entlassen. Für das erste Halbjahr 2010 sei eine Konsolidierung in der Tonnage zu sehen. „Doch noch nicht im notwendigen Umfang im Transportentgelt.“

Die Auftraggeber hätten die Krise zur Frachtpreisreduzierung benutzt. „Die internationalen Konzerne nutzen ihre starke Stellung als Auftraggeber“, konstatierte Weber. Die Spedition hat unter anderem eine Direktverkehr-Verbindung für Stückgut von West-Europa bis nach Sibirien eingerichtet. Allzu optimistische Prognosen der Wirtschaftspresse oder von Ökonomen ärgern den Manager allerdings eher. 2010 werde ein schwieriges Jahr. „Arbeiten wir daran, dass wir es gut überstehen und dass 2011 halbwegs normale Bedingungen am Markt herrschen“, sagte Weber.

Preiskrieg unter den Bahnen
Die Bahn, die gerade einmal zwölf Prozent der Gesamtgüter in Polen transportiert, hat dabei noch wesentlich mehr Probleme. Dieser Markt, den der staatliche Marktführer PKP Cargo dominiert, war 2009 sogar um 19,6 Prozent eingekracht. Immerhin zeigten sich die Unternehmen zuletzt wieder etwas verbessert. PKP Cargo verzeichnete nach den ersten sechs Monaten wieder Zuwächse bei der Tonnage. Diesmal standen 54,75 Millionen Tonnen in Büchern. Das waren 21,1 Prozent mehr als noch zwölf Monaten zuvor. Auch CTL Logistics legt im Mai wieder zu – im ersten Quartal hatte es noch derbe Rückgänge gegeben.

Dabei gibt es zwei Probleme: Zum einen die Zugangsgebühren für die Gleise, die aus der Sicht der Bahnen zu hoch sind. Zum anderen prägen heftige Auseinandersetzungen um die Aufträge das Bild. Die größte Privatbahn CTL Logistics beklagt sich immer wieder, dass Konkurrenten den Zuschlag erhielten, indem sie Preise anböten, die schlichtweg unrentabel seien. „Das kann zur Insolvenz einiger Unternehmen führen“, warnte denn auch der Generaldirektor des Heizkraftwerkes Elektrownie Ostrołeka, Ryszard Niedziółka – einem Großkunden der Bahnen. Sein Unternehmen mache zwar im laufenden Jahr noch Gewinn, doch könne sich das in den kommenden Jahren wieder ändern, zitiert ihn die Fachzeitung „Nowy Przemysł“. „Dann gibt es weniger Anbieter, und die Preise steigen wieder mit Sicherheit.“

Dieser Beitrag ist in der Printausgabe der Logistik-Fachzeitung “VerkehrsRundschau” unter www.verkehrsrundschau.de erschienen