Strategiewechsel bei Ost-Börsen

de Strategiewechsel bei Ost-Börsen

Die Warschauer und der regionale Börsenverbund CEESEG diskutieren derzeit eine Annäherung, die das Kräfteverhältnis in Europa verschieben würden. Ein neuer Konkurrent für Frankfurt?
Warschau. Im Ostmitteleuropa entsteht möglicherweise ein neuer Akteur, den auch die westlichen Finanzplätze verstärkt beobachten müssen: Der Warschauer Handelsplatz GPW und die regionale Börsengruppe CEE Stock Exchange Group AG (CEESEG) führen seit Mitte April Gespräche über eine Annäherung, die jetzt offenbar einen gewichtigen Schritt vorangekommen sind.

„Ich bin davon überzeugt, dass wir schon bald eine Lösung anbieten werden, die die richtige sein wird“, verriet der Vorstandsvorsitzende der GPW, Adam Maciejewski, unlängst im polnischen Wirtschaftsfernsehen TVN CNBC. Für den Manager geht es überwiegend darum, die Kosten zu senken. Nach Aussagen der Wiener Börse sind alle Optionen möglich: Von einer Fusion bis zur Übernahme.

Damit würde in dieser Region ein Börsen-Unternehmen entstehen, das ein erhebliches Gewicht aufweist: Die einheimischen und internationalen Investoren hätten insgesamt 537 Aktientitel zur Auswahl. Darüber hinaus brächte der neue Handelsplatzverbund eine Marktkapitalisierung von mehr als 230 Milliarden Euro auf die Waage. Zum Vergleich: Die Marktführer LSE London kam Ende 2012 auf knapp 3,4 Billionen Euro, und die Deutsche Börse (DB) stemmt ein Volumen von knapp einer Billion Euro. „Die Größten der Branche schlagen wir damit zwar nicht“, findet Grzegorz Maliszewski, der Chefanalyst der polnischen Bank Millennium. „Doch baut die GPW damit ihre Position in Ost- und Mitteleuropa aus“, so der Fachmann.

Darüber hinaus würde eine Annäherung der Börsen einen Strategiewechsel beider Handelsplätze einleiten. Bisher galten die GPW und der Börsenverbund als Konkurrenten, die sich um die Vormachtstellung in Ostmitteleuropa streiten. Die Polen hatten die CEESEG gnadenlos abgehängt und seit der politischen Wende regelmäßig pro Jahr mehr als 100 neue Unternehmen aufs Parkett gebracht. Damit katapultierten sie sich in Europa in der Spitzengruppe ganz nach oben.

Dass Warschau jetzt von alleine das Gespräch sucht, zeigt, wie sehr der Handelsplatz auf einmal unter Druck steht. Die Geschäfte laufen nicht mehr so gut wie früher, insbesondere die Handelsumsätze im Kerngeschäft mit den Aktien waren in der Vergangenheit rückläufig gewesen. Im ersten Quartal verzeichneten sie zwar im Vergleich zum Vorjahreszeitraum wieder zweistellige Zuwächse. Doch ist diese Verbesserung auf die starken Geschäfte der Warenterminbörse TGE zurückzuführen, die von der GPW übernommen worden ist, nicht aber auf das Haupt-Business.

Zusätzlich haben sich die gesamtwirtschaftlichen Rahmenbedingungen im Land verschlechtert. Darüber hinaus drückt die Dauerkrise an den Europäischen Märkten auf die Stimmung. Ähnlich ist dies auch beim Gesprächspartner CEESEG, auch wenn der Verbund nach jüngsten Zahlen für 2012 seinen Vorsteuergewinn im Vergleich zum Vorjahr um neun Prozent auf 16,8 Millionen Euro geschraubt hat.

„Diese Gespräche sind für mich keine Überraschung“, analysiert auch Michael Mellinghoff im Gespräch. Der Manager sitzt in der Geschäftsführung der Frankfurter Aktiencommunity sharewise und war früher lange Zeit als Vorstand bei der Warschauer Fondsgesellschaft Skarbiec TFI S.A. aktiv. Denn Ostmitteleuropa sei ein „anspruchsvolles“ Terrain. „Für einen einzelnen, großen Börsenplatz ist dieser Markt zu fragmentiert, doch für mehrere liquide Handelsplätze zu klein“, so der Fachmann.

Gerade für Wien sei eine Kooperation von sehr großer Bedeutung. „Der Platz spielt international nur eine untergerordnete Rolle, ist zu wenig kapitalisiert und viel zu wenig liquide, auch wenn er durch seine Vorreiterrolle in Osteuropa an Bedeutung gewonnen hat“, sagt Mellinghoff, der auch auf ein Problem hinweist, das die Polen haben. „Die GPW ist sehr von den anderen Märkten abgekapselt“, so der Experte. Ausländische Privatanleger könnten beispielsweise weiterhin nicht über ihre Onlinebroker am Börsenplatz Warschau handeln. „Sofern die polnische Politik tatsächlich bereit ist, eine Öffnung herbeizuführen, ist die Wiener Börse ein natürlicher Partner“, sagte Mellinghoff.

Dass die Gespräche sinnvoll sind, glauben auch polnische Experten. Die internationalen Anleger hätten eine ungeahnte neue Alternative, die sogar für London oder Frankfurt eine Konkurrenz sein könnte, erklärt Paweł Cymcyk, Analyst vom Investmenthaus TFI ING. Manche westliche Anleger, die einen Wechsel nach Osteuropa erwägen, diesen Schritt aber bisher nicht vollzogen haben, weil Moskau für sie wegen der politischen Repressionen zu unsicher ist, wechselten dann doch. „Denn sie hätten dann mit Warschau/ Wien eine neue, sichere Möglichkeit in der Region“, glaubt Cymcyk.