Handwerker keine Bedrohung

de Handwerker keine Bedrohung

WARSCHAU – Spätestens seit der Öffnung der Märkte durch die EU-Osterweiterung vor sechs Jahren geht in Deutschland die Angst vor den polnischen Handwerkern um: Die Polen werden in Scharen kommen, mit unerträglich niedrigen Löhnen die Aufträge an sich reißen und mit einer schier unerschöpflichen Arbeitswut die Deutschen vom eigenen Markt verdrängen. Dieses düstere Szenario haben viele einheimische Handwerker oder Vertreter von Branchenorganisationen immer wieder an die Wand gemalt.

Jetzt – nachdem schon mehr als ein halbes Jahrzehnt seit dem EU-Beitritt Polens vergangen ist – stellt sich heraus, dass diese Angst unberechtigt ist. Die Polen sind keine Bedrohung für das deutsche Handwerk. Es kommen zwar immer mehr nach Deutschland, die für vergleichsweise wenig Geld arbeiten und äußerst motiviert zu Werke gehen. Doch betrifft das meistens nur die zulassungsfreien Berufe wie Trockenbauer, Fliesenleger oder Hausmeister-Jobs. In den fachlich höher qualifizierten Berufen, in denen laut Handwerksordnung ein Meisterbrief notwendig ist, sind die Polen hingegen kaum vertreten:

So ist die Gesamtzahl der Betriebsinhaber mit polnischer Staatsangehörigkeit in Deutschland in den vergangenen zwei Jahren stetig gestiegen, wie aus der Statistik des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH) hervorgeht. Im vergangenen Jahr 2009 hatten sich insgesamt rund 28.000 Unternehmen registrieren lassen. Das waren sechs Prozent mehr als noch zwölf Monate zuvor. Dabei hatte es schon im Jahr 2008 einen Zuwachs gegenüber dem Vorjahr von 3,1 Prozent gegeben, der auf das verstärkte Interesse der Polen an Deutschland hinwies.

Doch zeigt ein genauer Blick auf die Statistik, das der Großteil der Polen ihr Geschäft in den zulassungsfreien Kategorie B1 angemeldet hat: Diese Berufe, in denen kein Meisterbrief notwendig ist, machen mehr als 70 Prozent aller Betriebe aus. Und noch etwas fällt auf: Die Polen sammeln sich in westdeutschen Ballungsgebieten und Großstädten, wie dem Rhein-Main-Gebiet, München oder Nordrhein-Westfalen. Grund: Diese Zentren versprechen die lukrativsten Aufträge. Die östlichen Bundesländer sind deswegen für die polnischen Handwerker weniger interessant.

„Ich habe in Deutschland ein ganz normales Gewerbe als Ein-Mann-Firma angemeldet“, sagt Antoni Wojtkowiak. Der Niederschlesier ist einer von ihnen und bietet unter anderem Dienstleistungen im Trockenbau an. „Ich bezahle hier regulär meine deutsche Krankenkasse“, fügt er hinzu. Zurzeit ist Wojtkowiak in Nordrhein-Westfalen unterwegs – einer Region in Deutschland, in der es wegen des Bergbaus schon immer viele Auslandspolen gegeben hat.

Von der starken Motivation, von der alle reden, ist bei ihm tatsächlich einiges zu spüren: „Wir arbeiten hier in der Gruppe so zehn Stunden am Tag – und das sechs Mal die Woche“, erklärt er nach Arbeit. Zuhause muss er seine Familie ernähren – so vier bis fünf Wochen hält Wojtkowiak immer in Deutschland. In der Zwischenzeit wartet der Niederschlesier in Polen auf Aufträge und pendelt dann zu den Jobs. Und Deutschland kann er halt schnell erreichen.

Wenn man sich seine Entlohnung anschaut, wird klar, warum Wojtkowiak extrem motiviert bei der Sache ist. Eine Arbeitsstunde kostet bei ihm zwischen 13 und 15 Euro. Zum Vergleich: Die Deutschen verlangen etwa 40 Euro. “Natürlich bin ich damit konkurrenzfähiger als die deutschen Kollegen – und das bei der selben Arbeit”, fügt der Trockenbauer nicht ohne Stolz hinzu. Damit kann der Pole in vier Wochen bis zu 3.600 Euro brutto erreichen. Nach allen regulären Abzügen ist diese Summe in Polen, wo er den Großteil seines Gehaltes ausgibt, sehr viel Geld. Die Kollegen, die zuhause in Polen geblieben sind, dürften ihn darum beneiden. Denn dort verdient ein Bauarbeiter monatlich gerade einmal 300 Euro netto.

Polnischer Fachverband freut sich
„Dass es immer mehr polnische Handwerksfirmen in Deutschland gibt, zeigt, dass unsere Fachleute sehr gut hinsichtlich ihrer beruflichen und geschäftlichen Kompetenzen vorbereitet sind“, freut sich Maciej Proszynski – Direktor beim Verband des polnischen Handwerkes ZRP. Gerade die Deutschen achteten ja immer besonders auf Qualität. „Und unsere Fachleute können diese Anforderungen erfüllen – und zwar problemlos.“ Dass die Polen auch über geschäftliche Fertigkeiten verfügten, zeige die steigende Zahl der Aufträge, die sie auf diesem anspruchsvollen Markt erhielten.

Darüber hinaus spricht Proszynski ein anderes – emotional aufgeladenes – Thema an. „Die Deutschen bringen die Polen oft mit Schwarzarbeit in Verbindung“, klagte der ZRP-Direktor. Doch würden seine Landsleute oft durch die deutschen Arbeitgeber dazu gezwungen werden. „Wenn sich denn die Möglichkeit einer legalen Beschäftigung findet, und sie sämtliche Genehmigungen erhalten, dann zeigen die Polen, dass sie sich unter bei einer normalen Konkurrenzsituation gut zurecht finden.“

„Diese rechtlichen Unregelmäßigkeiten sollte man nicht überbewerten“, findet hingegen Jacek Franek – Fachjurist für deutsch-polnisches Recht. Das deutsche Regelwerk und das EU-Recht, unter welchen Bedingungen Polen Aufträge und Arbeit ausführen können, seien doch sehr komplex. „Die Auftraggeber und die Handwerker machen oft leicht Fehler, ohne das zu wollen,“ versucht der Fachmann die Diskussion zu versachlichen.

Darüber hinaus seien die Auftragssummen, um die es gehe, doch verhältnismäßig klein. „So 5000 Euro und weniger.“ Da lohne es sich doch nicht, extra einen Juristen zu beschäftigen, der sich das genau anschaue. Auch für ihn sind die Polen keine wirkliche Gefahr für das deutsche Handwerk. Die Angst vieler ist tatsächlich unberechtigt.