Der erste Sieg im polnischen Rezept-Krieg

deDer erste Sieg im polnischen Rezept-Krieg

Die Umsätze der Apotheken sind 2012 in Polen eingebrochen. Die Ärzte haben immer weniger bezuschusste Arzneien verschrieben, da sie auf einmal für Fehler auf den Rezepten mit hohen Geldbußen rechnen mussten. Doch jetzt gibt es wieder Hoffnung. (erschienen in der “Pharmazeutischen Zeitung”).
Warschau. Krzysztof Majdyło muss immer wieder Hände schütteln und die Glückwünsche der Kolleginnen und Kollegen entgegen nehmen – von den Ärzten genauso wie von den Apothekern. Der Internist aus Pommern dürfte wohl derzeit einer der bekanntesten Mediziner in Polen sein. „Der Staatsanwalt hat seine Ermittlungen eingestellt,“ sagt er .

Und dass er nun doch nicht die empfindliche Strafe von umgerechnet knapp 13.000 Euro bezahlen muss, die der Staat vom ihm haben wollte, ist für ihn eine besonders große Erleichterung. „Ich kenne einen Kollegen, der in einem ähnlichen Fall sogar sein Auto verkaufen musste, um den Forderungen nachzukommen“, erklärt Majdyło.

Der Mediziner hat im Januar 2013 in der Ostsee-Stadt Gdansk (Danzig) als erster Arzt einen Prozess im sogenannten Rezeptkrieg gegen den mächtigen staatlichen Gesundheitsfonds NFZ gewonnen – der einzigen Krankenkasse in Polen. „Dass ich der erste bin, dem das gelungen ist, gibt mir eine besondere Zufriedenheit“, fügt Majdyło hinzu.

Hintergrund: Dieser Konflikt ist ein massiver Streit, der derzeit nicht nur die Ärzte, sondern auch die Apotheken in Polen belastet. Der Fonds macht seit dem vergangenen Jahr die Mediziner dafür haftbar, wenn sie Rezepte für Medikamente fehlerhaft ausstellen, die der Staat bezuschusst. Wichtig: Ob sie dies bewusst machen oder einfach nur Formfehler begehen, ist dabei egal.

Schwarze Schafe unter ihnen hatten in der Vergangenheit immer wieder immer die Dokumente unklar ausgestellt, damit sich die Patienten in der Apotheke die teuersten und angeblich besten Arzneien leisten konnten. Die Mediziner wollten sich damit die Treue der Patienten sichern.

Da diese Praxis dem NFZ ein riesiges Loch in die Kasse gerissen hatte, beschloss die Regierung, dieses Treiben rechtlich zu unterbinden. Wer nun bei den systematischen Kontrollen auffällt, die der Fonds durchführt, muss mit einem Verfahren rechnen und nach einer Verurteilung möglicherweise tief in die Tasche greifen.

Erlöse der Apotheken brechen ein
Das Ergebnis: Die Ärzte haben sich 2012 merklich mit dem Verschreiben solcher Arzneien zurückgehalten – aus Angst davor, auch sie könnten belangt werden. Diese Vorsicht spürten auch die Apotheken, die schmerzliche Einbussen bei den Umsätze hinnehmen mussten. Denn der Verkauf dieser Medikamente macht einen wichtigen Teil des Geschäfts aus. In Zahlen liest sich dies so: Die Erlöse schrumpften im Vergleich zum Vorjahr um 5,7 Prozent auf umgerechnet 6,3 Milliarden Euro.

Zum Vergleich: Ihre deutschen Kollegen vergrößerten hingegen ihre Geschäfte um 2,1 Prozent auf 26,8 Milliarden Euro. Für die Polen sind diese Rückgänge aufgrund der neuen Rechtslage besonders ärgerlich, weil sich die Pharmaziebranche in diesem Land in der Vergangenheit äußerst krisenresistent gezeigt hat. Die Wirtschaft in dem EU-Staat entwickelte sich auch während Euro-Krise verhältnismäßig solide. Darüber hinaus sind viele Polen Hypochonder, die verstärkt Medikamente einnehmen, auch wenn dies medizinisch nicht notwendig ist. Das Land hat einen der potenziell größten Pharma-Märkte in der EU.

Immerhin keimt unter den Medizinern und Apothekern mit diesem Urteil wieder die Hoffnung auf bessere Zeiten auf. Zumal sie auch die Unterstützung der polnischen Verfassungsrechtler bekommen. „Solche Strafen für fehlerhafte oder bewusst falsch ausgestellte Rezepte sind rechtlich zweifelhaft“, findet Rechtsexperte Professor Piotr Wienczorek.

Noch ist zwar nicht klar, ob der Gesundheitsfonds NFZ gegen das Urteil Berufung einlegt. Klar ist aber jedenfalls, dass das letzte Wort in dieser Sache noch nicht gesprochen ist. Damit stehen die Umsätze der Apotheken in Polen weiterhin unter einem ungünstigen Stern.