Gazprom kämpft mit unbezahlten Rechnungen

deGazprom kämpft mit unbezahlten Rechnungen

Gazprom hat gerade Halbjahreszahlen präsentiert, die alle enttäuscht haben. Dabei ist ein Problem, das derzeit die Russen massiv bedrückt, noch gar nicht allen bewusst geworden. Sie sitzen zuhause auf unbezahlten Rechnungen. In Dagestan, der kaukasischen Terrorregion, haben sie bereits ihren Kunden den Hahn zugedreht.
Moskau. Dagestan? Nie gehört. Das werden viele in Deutschland wahrscheinlich sagen, wenn sie den Namen der kleinen russischen Provinz aus dem Nordkaukasus hören. Doch ist die islamistische Region, in der ein buntes Völkergemisch von drei Millionen Einwohnern lebt, hierzulande bei weitem nicht unbekannt. Leider fällt sie nur mit negativen Schlagzeilen über Terroristen auf.

Seit dem Anschlag auf den Boston-Marathon im April hat auch der Deutsche Verfassungsschutz islamische Kämpfer aus dieser Region auf der Fahndungsliste. Im vergangenen Jahr sind bei politischen motivierten Attentaten über 400 Menschen ums Leben gekommen. Hier, wo die Energieindustrie ein gutes Fünftel an der Gesamtwirtschaft ausmacht, kämpft seit einigen Wochen auch Gazprom – und zwar um sein Geld.

Der größte regionale Versorger, Dagestanenergo, hat notorisch in der Hauptstadt Machatschkala, die etwa so groß wie Frankfurt am Main ist, seine Rechnungen von umgerechnet 3,4 Millionen Euro nicht bezahlt. Das Ergebnis: Die Russen haben hier etwa seit Juli die Hälfte der Lieferung eingestellt, so dass 30.000 Haushalte kein warmes Wasser mehr haben. Und der Konzern hat sein erstes Ultimatum vom Anfang August, die Lieferung völlig zu stoppen, erst einmal auf das Ende des Monats verschoben.

Diese Summe, die das Unternehmen in Dagestan eintreiben muss, mag zwar für den Konzern gering sein. Doch ist diese Provinz nicht die einzige Region in Russland, die den Russen Kopfzerbrechen bereitet. Der Kampf mit säumigen Kunden ist derzeit ein großes Problem, das der Gasriese lösen muss. Der Versorger läuft in 13 Regionen dem Geld hinterher, sechs davon leiden bereits schon darunter, dass Gazprom die Lieferungen gekürzt hat.

Betroffen sind viele Teile im Westen des Landes wie Smolensk, Wolgograd, aber auch die große Moskauer Region. „Der Wert des Forderungsbestandes ist im vergangenen Jahr im Vergleich zu 2011 um fast 50 Prozent auf 143 Milliarden Rubel (3,3 Milliarden Euro) angestiegen“, zitiert die russische Tageszeitung „Istwestija“ Konzernchef Viktor Zubkov.

Dies kommt zu einem Zeitpunkt, wo der Konzern gerade mit enttäuschen Zahlen für die ersten sechs Monate aufsich aufmerksam gemacht hat. Das Unternehmen verringerte seinen Nettogewinn im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um fast 35 Prozent auf 250,1 Milliarden Rubel (5,7 Mrd Euro).

Dabei belasten auch die unbezahlten Rechnungen die Bilanz. Besonders ärgerlich: Auch in der politisch wichtigen Moskauer Region muss Gazprom dem Geld hinterherrennen. Hier ist der Forderungsbestand sogar am höchsten: Mehr als zehn Milliarden Rubel (250 Milliarden Euro) beträgt ihr Wert.

Die regionalen russischen Versorger, die Gazprom nicht mehr bezahlt haben, zeigen der Zeitung zufolge zwar Verständnis für die Kürzungen der Lieferungen. Doch halten sie das Ausmaß für zu hart. Aus ihrer Sicht sind die ständigen Preissteigerungen in der jüngsten Vergangenheit Schuld daran, dass die Unternehmen ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen können. „Zwischen 2011 und 2013 sind sie pro Jahr um 15 Prozent gestiegen“, schätzte der Vertreter der Moskauer Region, Dmitrij Pestov. 2010 habe es sogar einen Sprung um 26 Prozent gegeben, ärgerte er sich.

Wann die Rechnungen bezahlt werden, steht in den Sternen. Für Gazprom kommt dies sehr ungünstig. Kurz vor der Veröffentlichung der Erstquartalsergebnisse im laufenden August hätten die Verantwortlichen des Konzerns sicher gerne andere Meldungen gehört. Die Bilanz wird künftig einige häßliche Flecken aufweisen.