Polens Kohle vor dem Kollaps?

de Polens Kohle vor dem Kollaps?

Die polnische Kohlebranche, eine Schlüsselindustrie, geht harten Zeiten entgegen. Die Kompania Weglowa, der größte Steinkohleproduzent in ganz Europa, muss sich vor dem Konkursrichter verantworten.
Katowice. Dem größten Bergbaukonzern Europas, der Kompania Weglowa (KW), aus Schlesien weht ein eisiger Wind entgegen. Der kleine Kattowitzer Lieferant von Bergbauaustrüstung, Centrala Zaopatrzenia Górnictwa (CZG), hat Anfang Juli in Katowice für seinen Kunden einen Insolvenzantrag gestellt. Wie der einheimische Fachdienst für die Industrie “Nowy Przemysł” berichtet, geht es um Stahlseile im Wert von 3,1 Millionen Złoty (720.000 Euro), die die KW noch nicht bezahlt hat.

Nach Aussagen der CZG-Manager hätte das Geld schon lange auf dem Konto sein müssen. Stattdessen habe die KW ihnen Mitte Juni geschrieben, dass die aktuelle finanzielle Situation es dem Konzern nicht erlaube, die Schulden zu begleichen. Deswegen habe sich das Unternehmen entschlossen, die Zahlung auf vier Monate auszusetzen. Ein solcher Zahlungstermin bedeutet nach Einschätzung der CZG, dass der Bergbaukonzern insolvent ist.

„Die Lage ist nicht katastrophal, aber sie ist schlecht”, gab der Sprecher der KW, Zbigniew Madej, zu. Der Konzern habe allen Lieferanten und Vertragspartnern eine solche Zahlungsfrist gesetzt. “Dies ist ein Effekt der weltweiten Krise”, sagte der Sprecher. Der Bedarf an Strom und an Kohle habe sich verringern, so Madej. “Im Herbst und im Winter steigt dann wieder die Nachfrage nach Kohle”, versuchte er seinen Geschäftspartnern wieder Mut zu machen.

Hintergrund: Diese Entwicklung hat sich bereits zu Jahresanfang angedeutet. Die KW hat nach den ersten vier Monaten einen Verlust von 80 Millionen Złoty (18,6 Millionen Euro) erwirtschaftet. In den Lagern warten noch sechs Millionen Tonnen auf ihre Abnehmer. Dies ist verwunderlich, weil der überlange Winter in Europa eigentlich zu einem verstärkten Absatz hätte führen müssen.

Das Grundproblem in Polen ist, dass die notwendige Modernisierung der gesamten Industrie bisher ausgegeblieben ist. Insbesondere die vergleichsweise hohen Arbeitskosten belasten die Bilanzen der Bergbauunternehmen. Wenn kein Umbau erfolgt, muss sich dies früher oder später auf die gesamte Wirtschaft auswirken, die sich bislang während der europäischen Krise relativ gut gehalten hat.

Trotzdem haben die einheimischen Politiker dies bisher ignoriert. Regierungschef Donald Tusk betonte gerade auf einer Veranstaltung in Schlesien, wie wichtig diese Industrie für Polen sei, ohne allerdings einen Umbruch einzuleiten. Er fürchtete die aggressive Reaktion der Bergleute, die als unangenehme Wählergruppe gilt, weil sie notfalls mit Gewalt ihre Interessen durchsetzt. So stürmten 2005 die Kumpel regelrecht mit lautem Geschrei das Warschauer Parlament, als die damalige postkommunistische Regierung ihre Lebensarbeitszeit verlängern wollte.

Politische Unterstützung für den Insolvenzantrag der CSG dürfte es deswegen auch nicht geben. Zumal der Anlass wie ein Witz anmutet. Ein Riesenkonzern wie die KW mit einem Jahresumsatz von vier Milliarden Euro soll wegen Schulden von weniger als einer Million Euro vor den Konkursrichter. “Wir lassen uns nicht erpressen”, sagte auch KW-Sprecher Madej.

“Auch andere fletschen die Zähne”
Allerdings zeigt dieser Schritt des kleinen Lieferanten auch, wie angespannt die Stimmung am Markt ist. Normalerweise begegnen die kleinen Unternehmen der KW, einem ihrer wichtigsten Kunden, mit großem Respekt. Jetzt hat sich dies aber radikal geändert. “Wir haben alle schon die Zähne geflescht, nun dürften noch andere das gleiche wie die CSG machen”, glaubt ein andere Geschäftspartner der KW.

Darüber hinaus ist dieser Hersteller nicht das einzige Bergbaunternehmen in Polen, das massive finanzielle Probleme hat. Der Koksproduzent Jastrzebska Spółka Weglowa (JSW), ebenso einer der größten seiner Branche in ganz Europa, wird wohl im laufenden Jahr keine schwarze Zahlen erreichen. Das vermuten die Analysten des polnischen Investmenthauses DM BZ WBK in einer aktuellen Studie über die Aktie des börsennotierten Unternehmens.

“Der Verlust im dritten Quartal 2013 ist sicher”, schreiben sie. “Und ein zusätzlicher Nettogewinn für das Gesamtjahr scheint bedroht”, mutmaßen die Fachleute. Ihre Erklärung: Das Verkaufsvolumen der ertragreichen Kokskohle sei im zweiten Quartal im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 15 Prozent gefallen. “Deswegen muss das Unternehmen im dritten Quartal die Produktion zurückschrauben, wodurch sich der Gewinn vor Steuern und Abschreibungen (EBITDA) verringern wird”, mahnen die Experten.